Freitag, 10. Mai 2013

Theorie verstrickt - 1. öffentliche Aktion



Am 14. Mai (16 bis 20 Uhr) führen wir unsere erste öffentliche Aktion durch, bei der wir vier Texte feministischer Theoretikerinnen (Chandra Mohanty, Judith Butler, Hannah Arendt, Julia Kristeva) verstricken. Dabei werden wir verschiedene Materialien und verschiedene Textiltechniken verwenden, die entstandenen Objekte werden an den folgenden Tagen in der Auslage der Räumlichkeit ausgestellt. Interessierte Zuseher_innen können uns in der Neulerchenfelder Straße 59 in Wien besuchen. 

Als prekäre Wissensarbeiterinnen und Künstlerinnen in entgrenzten Arbeitszusammenhängen sehen wir uns täglich mit dem Zwang zur Vermarktung, Optimierung und produktiver Nutzung persönlicher Ressourcen konfrontiert. In einem kognitiven Kapitalismus, der bestimmt ist durch immaterielle Arbeit in Form von kreativen, intellektuellen, kommunikativen, relationalen und affektiven Tätigkeiten, wird Wissen insofern zentral, als er darauf abzielt, aus allen Arten des Wissens, sei es künstlerisch, philosophisch, kulturell, sprachlich oder wissenschaftlich, eine Ware zu machen. Wie die Philosophin Gayatri Spivak schreibt, hat auch innerhalb der akademischen Lehre kritisches Denken seinen Platz nur um den Preis, auf Anwendbarkeit geprüft zu werden oder zur Effizienzsteigerung beizutragen.
Epistemische Gewalt macht dabei das Wissen zu einem Instrument der Beherrschung ebenso wie zu einem der Rechtfertigung und Legitimierung derselben. In diesem Verwertungsprozess finden wir uns als Rezipientinnen wieder, die Texte konsumieren und reproduzieren, wobei stets SINNhaftes (wieder)hergestellt werden muss. 

In einer Logik der effizienten Sinnproduktionen entziehen wir uns diesem Zugriff, indem wir planlos und assoziativ mit Texten arbeiten und dabei die Hierarchie zwischen literarischer Produktion und darstellender Kunst, zwischen Darstellenden und Zusehenden aufheben. Der Text wird zum Ereignis und Spektakel, wir setzen uns und eigene Bedeutungen und Geschichten in Szene, wobei es sich nicht um die Suche nach Wahrheit und Identität, nicht um eine essenzialistische Form der Selbstfindung, sondern um  ein Gewebe aus Fiktion und Dokumentation handelt: ein Gewebe, das auch entsteht aus dem Spiel mit Identitäten, mit verschiedenen Formulierungen und Aneignungen des Ich.

Als Textilkünstlerinnen nutzen wir traditionell weiblich konnotierte Techniken, die zumeist im häuslichen Kontext, im Verborgenen, dazu dienen, Nützliches herzustellen. Mustervorlagen bestimmen dabei Arbeitsform und –material, die dem Endprodukt angepasst und dabei untergeordnet werden. Mit unserem (öffentlichen) Tun entziehen wir uns für den Zeitraum der Performance auch dieser Logik und transportieren textile Technik in einen neuen Kontext.